| Lehrer als Problem |
|
|
|
| Dienstag, den 25. März 2008 um 15:03 Uhr |
LEHRER ALS PROBLEM: "Viele halten das für einen Halbtagsjob"
Bequem,
inkompetent und schnell überfordert - Udo Rauin geht mit deutschen
Lehrern hart ins Gericht. Der Frankfurter Bildungsforscher erklärt im
Interview, warum so viele ungeeignete Studenten in den Lehrerberuf
stolpern und der Beamtenstatus ein schlimmes Übel ist.
Frage:
Herr Rauin, Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass es schon
relativ früh im Lehramtsstudiums starke Anhaltspunkte dafür gibt, ob
jemand ungeeignet für den Beruf ist. Welche praktischen Konsequenzen
ergeben sich daraus?
Udo Rauin:
Man müsste viel stärker während des Studiums beraten, damit die
zukünftigen Lehrer wissen, was auf sie zukommt. Denn die Anforderungen
des Berufs werden nicht deutlich gemacht - viele halten das tatsächlich
für einen Halbtagsjob, für den man nicht viel machen oder wissen muss.
Es wird zu wenig dafür getan, die Anforderungen schon im Studium
stärker durchzusetzen und auch dahingehend zu beraten, dass man besser
die Finger davon lässt, wenn man deutliche Überforderungen feststellt.
Da der Bedarf nach Lehrern aber sehr groß ist und nicht nur mit den
wirklich Kompetenten gedeckt werden kann, nimmt man auch solche, die es
nicht können.
Frage: Kommen Lehramtsstudenten nicht viel zu spät mit der Praxis in Berührung?
Rauin:
In Baden-Württemberg, wo ich meine Studie gemacht habe, sind alle durch
regelmäßige studienbegleitende Praktika schon früh in die Praxis
gekommen. Viele haben sehr früh bemerkt, dass diese Praktika ein Horror
für sie sind und dass sie inkompetent sind
- das hat sie aber nicht abgeschreckt. Sie verdrängen ihre Inkompetenz
in der Hoffnung, dass sich das schon irgendwie legen wird, da der
Lehrerberuf andere Vorteile hat beziehungsweise die Perspektivlosigkeit
in anderen Bereichen so groß ist, dass man dann doch dabei bleibt.
Frage: Wie sinnvoll ist in diesem Zusammenhang der Beamtenstatus für Lehrer?
Rauin: Der führt genau dazu, dass sich die Falschen für den Beruf interessieren,
weil es eine vermeintliche Sicherheit gibt. Diese suchen eben viele
Studierende, die sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht
aussetzen wollen. Man müsste den Beamtenstatus tatsächlich abschaffen,
um wenigstens die schlimmsten Übel zu vermeiden.
Frage:
Welche Rolle spielt ein Numerus Clausus auf Lehramtsstudiengänge - man
sagt ja oft, dass schlechtere Schüler später die besseren Lehrer seien?
Rauin:
Dann müssten die heutigen Lehrer sehr gut sein, denn in den letzten 20
Jahren ist immer vor allem das untere Drittel eines Abiturjahrgangs
Lehrer geworden. Natürlich mit Ausnahmen, aber es gibt eine Tendenz,
dass eher die schlechteren Schüler den Lehrerberuf ergreifen, weil sie
sich in anderen Berufsfeldern weniger Chancen ausrechnen. Es gibt
Bereiche, bei denen das nicht zutrifft, etwa bei Naturwissenschaften am
Gymnasium. Aber man kann sagen: Je niedriger die Schulform ist - also
Grund-, Haupt- und Realschule -, desto schlechter sind die
Abiturdurchschnitte der Lehrer. Ein NC nützt dabei weder noch schadet
er. Er steuert nicht wirklich, weil er ja in dem Moment, wo es eine
mangelnde Nachfrage nach einem Fach oder Studiengang gibt, wieder
aufgehoben wird. Er wirkt entlastend für die Hochschulen, hat aber für
die Schule keinerlei Funktion.
Frage: Gibt es unter Lehrern mehr Ungeeignete als in anderen Berufen?
Rauin:
Da wir keine Vergleiche haben, sind wir gerade dabei, Parallelstudien
für andere Berufe zu machen, um zu sehen: Wer studiert das, wie
studiert man es und mit welchem Engagement? Wir wissen bisher bei den
Lehrern auch nicht, ob alle Schulformen in gleicher Weise betroffen
sind. Es scheint mir so zu sein, dass in anderen Berufen das Berufs-
und Versagensrisiko größer ist. Deshalb vermute ich, dass die Zahl der
Inkompetenten im Lehrerberuf Dimensionen hat, die man sonst nicht
findet. Aber beweisen kann ich das nicht.
Frage:
Können die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge, die ja mehr auf
Praxisbezug und Kompetenzstärkung ausgerichtet sind, dem Problem der
Inkompetenz bei Lehrern entgegenwirken?
Rauin:
Nicht wirklich. Die Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg, die
ich untersucht habe, haben ja diese sehr starke Komponente Praktikum
auch schon drin. Außerdem kann im Moment niemand wirklich sagen, wie
man auf diese Weise die erforderlichen Kompetenzen stärken kann. Die
Lehrerausbildung ist an allen Universitäten ein fünftes Rad am Wagen,
für das sich niemand wirklich interessiert. Deswegen glaube ich, dass
es vielleicht ein paar Veränderungen beim Studium geben wird, aber die
zentralen Probleme ungelöst bleiben: Wer wird Lehrer, wie kann man
diejenigen herausfinden, die von der Persönlichkeit her stark genug
sind, um in der Schule bestehen zu können? Und wie sorgt man dafür,
dass sie der Schule mit voller Arbeitskraft zur Verfügung stehen? Denn
heute arbeiten 50 Prozent aller Lehrkräfte nur Teilzeit, an manchen
Schulen sind es bis zu 80 Prozent. Aber das sind strukturelle Probleme,
die man in der Schule selbst lösen muss, und zwar durch eine veränderte
Form der Einstellungsprozedur, positive Anreize und Evaluation.
Frage:
In Baden-Württemberg haben inzwischen auch Lehramtsanwärter für das
Gymnasium während des Studiums eine sechsmonatige Praxisphase. Hilft
das weiter?
Rauin:
Ähnliches soll jetzt überall verstärkt eingeführt werden. Das Problem
ist nur: Diejenigen, die das ohnehin nur aus Verlegenheit studieren,
schreckt man damit nicht ab. Diese Praxisphase hat eine orientierende
Funktion, ist aber kein Sieb - sie filtert nicht die Schwächeren
heraus. Das könnte man nur mit einer anderen Form des Staatsexamens
erreichen.
Frage: Und wie müsste die aussehen?
Rauin:
Sie müsste zentraler auf die tatsächlich relevanten Kompetenzbereiche
abzielen. Und sie müsste die Leute über viel längere Zeiträume prüfen,
als das bisher mit zwei Unterrichtsstunden und einer mündlichen Prüfung
in der Prüfungsphase des Referendariats der Fall ist. Zudem müsste man
mutiger als bisher den Ungeeigneten den Zugang verweigern.
Frage: Warum geschieht das nicht?
Rauin:
Aus sozialen Gründen. Wenn sich jemand sieben oder acht Jahre auf den
Beruf vorbereitet und mit seinem Studium nichts anderes werden kann,
dann setzt bei schlechten Lehrern so ein Mitleidseffekt ein - man lässt
ihn drin, auch wenn er ganz schwach ist. Vernünftiger wäre es, wenn man
eine Doppelqualifikation hätte und eventuell mit seinem Studium auch
was anderes werden könnte als Lehrer. Das würde das Ganze etwas
entschärfen. Und da hoffe ich, dass das ein kleiner Seiteneffekt des
Bachelor- und Master-Studiums ist.
Das Interview führte Mirjam Mohr, AP |








