| Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere. |
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| Freitag, 12 Februar 2010 | |
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Klassenbewusstsein / Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere. Sonst verliert das Gymnasium seine Bedeutung als höhere Bildungsanstalt - Von Johann Schloemann
Wir
müssen mal eine ernste Frage stellen. Woher bekommt ein Land wie
Deutschland eigentlich gute Minister, Lehrer, höhere Beamte? Woher
weitsichtige Afghanistan-Generäle? Woher bekommt das Land gute
Stadtplaner, Universitätsprofessoren, Wirtschaftsmanager,
Schriftsteller, Diplomaten,
Wohnungsbaugenossenschaftsvorstandsvorsitzende?
Woher gute
Museumskuratoren, Arbeitsamtsleiter, Migrationsforscher, Pfarrer,
Stadtarchivdirektoren, Journalisten, Finanzinvestoren,
Unternehmenssprecher und Richter? Die weibliche Form natürlich jeweils
mitgedacht.
Sagen Sie jetzt nicht: „durch ein spezielles Studium". Die spezielle Ausbildung mag im besten Fall bewirken, dass diese Leute sich in ihrem speziellen Feld einigermaßen auskennen. Die Befähigung jedoch, in ihren Positionen mindestens keinen Schaden anzurichten, möglichst aber noch Besseres zu leisten, intelligent und verantwortungsvoll zu agieren, keinen Unsinn zu reden, in Zusammenhängen zu denken, hilfreiche Analogien herzustellen und gewisse allgemeine, übergreifende Kenntnisse zum Wohl der Sache anzubringen - diese Befähigung wird nicht erst im Studium erworben. Sie stammt vielmehr, wo sie vorhanden ist, aus einer vorausgehenden Bildungseinrichtung, welche Erziehung zu demokratischer Diversität mit striktem Qualitätsanspruch verbindet. In dieser Bildungseinrichtung werden die Beherrschung mehrerer Sprachen, ein Überblick über kanonische Inhalte der überlieferten Kultur und Geschichte, die Kenntnis des politischen Systems sowie Grund- lagen der Naturwissenschaften vermittelt. An den genannten Gegenständen werden dort genaue Analyse, differenzierte Interpretation und kritisches Denken eingeübt, mit der Absicht, eine souveräne Persönlichkeit zur Entfaltung zu bringen, die sich auch dem Schwierigen und dem Unbekannten erfolgreich stellen kann. Im Prinzip gibt es eine solche Bildungseinrichtung, die derart auf ein wissenschaftliches Studium und auf höhere Berufe vorbereitet. Sie heißt: Gymnasium. Das Gymnasium wird staatlich finanziert und organisiert. Es kostet kein Schulgeld, stellt aber besondere Anforderungen, die den Besuch auf dem Gymnasium zu einem Privileg machen. Dabei muss keineswegs jeder, der Abitur macht, auch einen jener höheren Berufe ergreifen. Aber jeder, der ein passables Abitur macht, sollte einen höheren Beruf ergreifen können. So war es jedenfalls einmal gedacht. Doch im Laufe der Nachkriegszeit ließ man es geschehen - teils ideologisch gewollt, teils vom wachsenden Wohlstand verführt -, dass das Gymnasium zusehends zum Opfer seines eigenen Erfolges wurde. Man ließ Schritt für Schritt immer mehr Schüler aufs Gymnasium gehen und reduzierte, damit einhergehend, den Anspruch. Schon für die Zeit bis 1990 bilanziert der Historiker Hans-Ulrich Wehler in seiner „Gesellschaftsgeschichte" mit nüchternem sozialgeschichtlichen Blick: „Der Preis für die unvermeidbare Inflation der Bildungszertifikate bestand aus der Abwertung ihrer Bedeutung, da die ansteigende Abiturientenquote keineswegs mehr quasi automatisch (...) den Aufstieg in die Funktionselite garantierte." Nach der Wiedervereinigung setzte sich die Expansion fort: Hatten im Jahr 1992 im bundesweiten Durchschnitt bereits 31,0 Prozent ihres Altersjahrgangs eine Studienberechtigung als Schulabschluss erworben (Abitur und Fachabitur zusammengerechnet), so lag diese Quote der Studienberechtigten im letzten Berichtsjahr 2008 bei stattlichen 45,1 Prozent. Bald wird die Hälfte eines ganzen Jahrgangs für hochschulreif erklärt. So viele Abiturienten, das liegt unmittelbar auf der Hand, können weder selbst alle geeignet sein, höhere Berufe auszuüben, noch können ihnen dafür ausreichend Stellen zur Verfügung stehen. Die schwächeren unter ihnen sind also formal deutlich überqualifiziert, während die besseren über weite Strecken unterfordert sind. Die Folgen dieses Prozesses sieht jeder, der Augen dafür hat: Vorstandsvorsitzende, die über Zehntausende Arbeitsplätze gebieten und weitreichende Strukturentscheidungen zu fällen haben, machen einem Angst - nicht deswegen, weil sie Schumann und Schubert nicht auseinanderhalten können (das ist zwar auch schade, aber in ihrem Beruf meistens nicht sehr schädlich), sondern weil sie kaum einen klaren deutschen Satz formulieren können. Und ein Karl-Theodor zu Guttenberg gilt heute schon als exzeptionell eloquent - zwar stehen ihm durchaus eine bündigere, farbigere Sprache und eine recht wendige Auffassungsgabe zu Gebote, aber ein Genie ist er mitnichten, und er formuliert häufig so, dass jeder gute Deutschlehrer ihm vieles als schwülstig, redundant und nichtssagend anstreichen musste. Man fühlt sich erinnert an den Fußballer Olaf Thon, der einst, weil er in Interviews vollständige Sätze zur Antwort geben konnte, unter den Fußballspielern den Spitznamen „der Professor" bekam. Anstatt nun die naheliegende Lehre zu ziehen und die Qualität der höheren Schulbildung durch engere Auswahl wieder zu verbessern, ruft das ganze Land, als hätte es den Verstand verloren: Wir brauchten nicht weniger, sondern noch mehr Gymnasiasten und Abiturienten! Mit mehr „Bildung", heißt es, könne man die schrumpfenden Wachstumszahlen, denen Deutschland in der Globalisierung ausgesetzt ist, wieder in neue Höhen schrauben und für mehr qualifizierte Beschäftigung sorgen. Wenn das mit dem Wachstum überhaupt so sein sollte - und keine fromme Illusion -, dann musste es, könnte man meinen, bewerkstelligt werden, indem man die Qualifikation der Lehrlinge stärkt, die technischen Berufe fördert, auf den wirtschaftsnahen Unterricht an der Realschule setzt und Ähnliches mehr. Aber nicht, wie es jetzt überall vorgeschlagen und praktiziert wird, indem man die Entkernung des Gymnasiums durch höhere Schülerzahlen weiter vorantreibt. Diese Entkernung hinter einer schönen backsteinernen Gymnasialfassade ist inzwischen das gemeinsame Projekt von linken Egalitaristen und rechten Technokraten. Von oben wird ein Schuljahr abgeschnitten. Von unten werden, wie in Hamburg, zwei Schuljahre abgeschnitten. Mit der sechsjährigen Grundschule, von der man sich integrative Effekte erhofft, könnte man ja vielleiclit noch leben, wenn das sechsjährige Rumpfgymnasium dann die Aufnahme von dieser Grundschule nach eigenen, anspruchsvollen Kriterien bestimmen dürfte. Das ist jedoch nicht vorgesehen. Vielmehr will man das Gymnasium in seiner zeitlichen und fachlichen Substanz so weit wie möglich aushöhlen und zugleich so viele Absolventen wie nur möglich durch seine Pforten schicken. So ruft etwa der Mathematiker und IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck in seinem gerade erschienenen Buch „Aufbrechen!" Deutschland zu einer „Exzellenzgesellschaft" aus. Das Motto: „Jeder kann und muss studieren!" So kann nur denken und handeln, wer gegenüber dem gegenwärtigen Zustand der meisten Gymnasien die Augen verschließt oder ihn für unproblematisch hält. Viele Gymnasien bemühen sich weiter redlich, aber die Mängel sind offenkundig - und zwar auch in den angeblich bildungsstärkeren südlichen Bundesländern: Die Klassen sind oft so groß, dass man flankierende Assistenzlehrer brauchte, die es in Deutschland aber nicht gibt. Es werden zu gute Noten gegeben, aus feiger Bequemlichkeit, oder weil die Direktoren es der Rufwahrung halber verlangen. So werden schwache Schüler bis in die höheren Jahrgänge mit durchgeschleppt, auch wenn sie eindeutig nicht aufs Gymnasium passen: Was ihrer Laufbahn deutlich mehr schadet, als wenn man früher ehrlich zu ihnen wäre und sie früher ihre anderen Fähigkeiten zur Geltung bringen könnten, die am Gymnasium verkümmern. Es gibt an vielen Gymnasien inzwischen so massive Sprach-, Schreib- und Lernmängel, dass eigentlich das ganze Lehrerkollegium gemeinsam „Stopp!" schreien musste, anstatt notgedrungen mit dem normalen Lehrplan fortzufahren. Das achtjährige Gymnasium hetzt durch die Themen und gibt zugleich unabdingbare Lernstoffe der „Entrümpelung" anheim - sieben Schulstunden Nationalsozialismus sieht beispielsweise Bayerns Geschichtslehrplan noch in der Oberstufe vor; Hitlers Außenpolitik oder der Ablauf des Zweiten Weltkriegs werden dabei gleich ganz weggelassen. Viele Lehrer haben selbst keine breitere Bildung mehr und auch kaum Gelegenheit, dies durch Lektüre oder Weiterbildungen auszugleichen. Bürokratische Aufgaben verdrängen pädagogischen Eros, Begeisterung und Sorge um die Schüler. Der Ausdehnung des Unterrichts in den Nachmittag entspricht die räumliche Ausstattung nicht, dabei kann die angestrebte Ganztagsschule ohne attraktivere Räume für die Schüler und eigene Schreibtische für die Lehrer gar nicht funktionieren. Hinzu kommen noch ältere strukturelle Fehler, die heute stärkeren Schaden anrichten, als es früher bei homogeneren und kleineren Lerngruppen der Fall war: die mangelnde Kommunikation, Kontrolle und Hilfestellung der Lehrer untereinander; die antiquierte hierarchische Umgangsweise; der 45-Minuten- Rhythmus. Nun ist es nicht so, wie manche es gerne betrachtet hätten, dass an den Missständen, die durch höhere Abiturientenquoten noch ausgeweitet werden, nur Politik und Lehrer und hereindrängende Einwandererfamilien schuld wären. Nein, es sind häufig die angeblich bildungsbeflissenen Mittelschichten, die selbst zusätzlich zum Verlust des Niveaus beitragen. Das Gymnasium hat unter seinen Verteidigern so manche falsche Freunde: Das sind Eltern, die drücken und schieben, was das Zeug hält, bis sie ihr Kind aufs Gymnasium gekriegt haben; und wenn das Kind dort ist, fordern sie den möglichst ohne Anstrengung freizuräumenden Weg in die gesellschaftliche Elite. Deshalb blüht der perverse Nachhilfe-Markt in frühen Kindesjahren - wie kann man eigentlich darauf kommen, dass ein Kind, das Dreien, Vieren oder gar Fünfen auf der Grundschule hat, fürs Gymnasium überhaupt in Frage kommt? Die Schule hat in den Augen dieser Klientel als kostenloser Dienstleister für Aufstiegschancen zu funktionieren. Da ist die Verwunderung darüber groß, dass nach der mühsamen Überwindung der Hürde zum Gymnasium schon wieder neuer Fleiß verlangt wird, obwohl man es doch jetzt eigentlich „geschafft" hat. Und wenn im Zeugnis etwas schiefläuft, ist eine Reklamation fällig: Das war alles viel zu schwierig, der Lehrer hat versagt, das Versäumnis kann unter keinen Umständen beim Schüler zu Hause liegen. . . Der Qualitätsanspruch des Gymnasiums muss also gerade auch gegenüber den weniger bildungs- als vorteilshungrigen Mittelschichten verteidigt werden. Der Verfasser dieser Zeilen kann nun schon im Voraus die Stimmen um sich herum hören, die sagen: Mensch, mach dich mal locker. Man muss doch nicht so feuerzangenbowlenmäßig mit erhobenem Zeigefinger Warnungen aussprechen; die Menschen sind verschieden, es gibt lauter verschlungene biographische Nebenwege, die Zeiten ändern sich, der Wissensbegriff wandelt sich, und ein Webdesigner, der noch nie von Augustus, Voltaire oder Kurt Schumacher gehört hat, kommt ja auch ganz gut durchs Leben. Stimmt. Nur kann es deswegen doch nicht angehen, den Nicht-Anspruch in der anspruchsvollsten Schulform gezielt zu institutionalisieren und gleichzeitig die Fassade Gymnasium aufrechtzuerhalten. Es geht ja auch nicht um ein stupides Paukertum, sondern um die freundliche, ermunternde Souveränität, die sich aus Wissen, Klugheit und Interesse speist. Im Übrigen ist es unsozialer und undemokratischer, die Abiturientenquote zu erhöhen, die Leistungen zu senken und damit die Flucht der Besserverdienenden in Privatschulen zu provozieren, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Das sind wahrhaft sozialflüchtige, elitäre Institutionen. Als sich das Gymnasium in Deutschland zwischen 1780 und 1820 etablierte, als der Lehrerberuf vom geistlichen Amt getrennt wurde, entstand damit eine bürgerliche Einrichtung, die den Bildungsgedanken beim Zugang zur Elite höher stellte als die geburtsständischen Vorrechte der bisherigen Feudalordnung. Natürlich gab es im Gymnasium dann auch wieder soziale Abschottung, Dünkel und Verknöcherungstendenzen; aber das Gymnasium des 19. Jahrhunderts ließ durchaus schon das Kleinbürgertum und Handwerkersöhne herein und war sozial weitaus offener als etwa die alten Privatschulen in England. An solche Traditionen kann ein demokratisches Gymnasium durchaus anknüpfen. Heute gibt es neue soziale Fakten: einen großen Anteil von Einwanderern in den Großstädten, die sich mit der Sprache schwer tun, mehr Medienkonsum, weniger Lektüre, weniger Zuwendung. Anstatt aber diesen sozialen Fakten mit massiven Maßnahmen ün Vorschulalter und in den Grundschulen zu begegnen, anstatt von den beteiligten Elternhäusern und Kindern neue Anstrengungen zu verlangen, wird es als sinnvolle Folgerung aus der Gleichsetzung von Sozialpolitik und Bildungspolitik postuliert, die Gymnasialbildung einfach billiger zu verschenken. Das ist aber nur zum Schein der leichtere Weg, und es ist der falsche. Wir müssen uns jetzt entscheiden: Entweder wir bewahren das Gymnasium. Oder wir benennen es, wenn die übrigen Schulformen zur Restschule zusammengeschrumpft sind, einfach in „Schule" um. Mal sehen, ob wir dann mit dem Resultat zufrieden sind, und das Land wirklich zu neuem Wohlstand erblüht. Das Gymnasium als kostenloser Dienstleister für den Weg nach oben? sueddeutsche.de, 06.02.2010 |




