| Inspektion von Auslandsschulen |
|
|
|
| Samstag, 09 Januar 2010 | |
|
Auslandsschulen - Hart, aber herzlich
Anita Schröder-Klein ist Schulinspektorin. Sie reist durch die ganze Welt, um deutsche Auslandsschulen zu begutachten - Von Franz Lenze
Dreimal
ist Anita Schröder-Klein heute schon über den Pausenhof gehastet, jetzt
ist es kurz nach acht, und wieder geht es vorbei an den
Klettergerüsten, den Palmen, vorbei an den drei Fahnen, die im
Morgenwind flattern. Unter den linken Arm hat sie ein Notebook
geklemmt, in der rechten Hand hält sie einen Plan, darauf Raumnummern,
Namen, Zeiten. Anita Schröder-Klein, die Inspektorin: 57 Jahre ist sie
alt, Oberschulrätin, sie kommt aus Bremen, war Lehrerin
, hat Geschichte
unterrichtet, Politik und Religion.
Inspektorin,
ein strenges Wort. Dabei versteht sie sich nicht als Scharfrichterin,
eher als Helferin. Genau wie ihre beiden Kollegen, die mit ihr nach
Brasilien gekommen sind, nach São Paulo, hierher ans Colégio Humboldt,
im Namen der Bund-Länder-Inspektion, einer Art TÜV für deutsche Schulen
im Ausland. Solche Inspektionsbesuche sind in Deutschland längst
üblich, jetzt trifft es auch die 132 Schulen in aller Welt, in Asien,
Afrika, Südamerika. Bis zum Jahr 2012 kämpfen sie darum, dass ihnen ein
Zertifikat verliehen wird, das Gütesiegel »Exzellente deutsche
Auslandsschule«. Viel Arbeit für die Inspektoren: Anita Schröder-Klein
war zuvor in Portugal, wohin es als Nächstes geht, weiß sie noch nicht.
Das
Colégio Humboldt liegt im Süden der 20-Millionen-Metropole, in
Interlagos, einem ruhigen Viertel, fern der Hochhausschluchten und
verstopften Straßen. Schicke Rotklinker-Bauten, ein Gymnasium samt
Berufsschule mit eigenem Theater, eigenem Schwimmbad. Brasilianer und
Deutsche lernen hier gemeinsam hinter hohen Mauern, 1231 Schüler.
»Wir sind gut vorbereitet«, sagt der Schulleiter
In
seinem Büro im ersten Stock sitzt Hartmut Blank, der Schulleiter, und
spricht davon, dass die Inspektion eine Chance für seine Schule sei.
»Man wird ja betriebsblind mit der Zeit«, sagt er. Ein frischer Blick
sei da immer gut. Draußen schlieren ein paar Wolken durch den blauen
Himmel, drinnen entwirft der Direktor seine Vision einer guten Schule.
»Eine Schule der offenen Türen. Lehrer hospitieren Lehrer, jeder lernt
von jedem.« Das sei wichtig, gerade hier, wo brasilianische und
deutsche Lehrer Seite an Seite arbeiten. »Da müssen wir hin.« Macht ihn
die Inspektion nervös? Nein, sagt er, »wir sind gut vorbereitet«.
Außerdem sei das ein Besuch, keine Heimsuchung.
»Genau«,
sagt Inspektorin Schröder-Klein und lächelt. »Es geht nicht darum,
einzelne Lehrer vorzuführen, einzelne Unterrichtsstunden zu
kritisieren. Uns interessiert, wie gut die Schule insgesamt ist.« Für
das Gütesiegel muss alles stimmen: Lernen die Schüler wirklich etwas?
Ist der Unterricht modern? Effizient? Macht er womöglich sogar Spaß?
Sind die Räume sauber? Ist die Turnhalle gut ausgestattet? Läuft die
Verwaltung reibungslos?
Dass
das Colégio Humboldt kein Problemfall ist, weiß Anita Schröder-Klein,
seit sie den Ordner der Schule in den Händen gehalten hat: 887 Seiten
Papier, Bildungspläne, didaktische Grundsätze, Qualitätsvorgaben. »Zu
verbessern gibt es aber immer etwas«, sagt sie. Weshalb sie und ihre
Kollegen in den nächsten sechs Tagen die Schule unter die Lupe nehmen.
Sie werden Schüler fragen, ob sie sich wohlfühlen an der Schule,
Eltern, ob sie glauben, dass ihre Kinder dort gut aufgehoben sind. Sie
werden ausgewählte Lehrer zum Gespräch bitten. Einige sagen hinterher:
»Die haben uns gegrillt.« Natürlich werden die drei auch den Unterricht
inspizieren. Immer die ersten oder letzten 20 Minuten einer
Schulstunde. »Das ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt«, sagt
Schröder-Klein, »aber er reicht, um ein Urteil zu fällen.« Und in
greifbare Kategorien zu übersetzen: »stark«, »eher stark als schwach«,
»eher schwach als stark«, »schwach«.
60 Kriterien beurteilt die Inspektorin pro Schulstunde
Es
ist Montag, 9.05 Uhr. Eine elfte Klasse. Deutschunterricht. Leise
betritt die Inspektorin den Raum, setzt sich auf einen Stuhl in der
letzten Reihe, schlägt die Beine übereinander und klappt ihr Notebook
auf. Vorne bemüht sich der Lehrer, seine Schüler durch die deutsche
Grammatik zu leiten. In kleinen Gruppen brüten sie über einem
Nachrichtentext und versuchen, Entscheidungen der Bundesregierung im
Konjunktiv der indirekten Rede wiederzugeben. Zehn Minuten schaut
Schröder-Klein dem Unterricht zu, wachsam schweift ihr Blick von
Schüler zu Schüler, die Stirn leicht kraus. Dann beginnt sie ihren
Fragebogen abzuarbeiten: »Die Schüler werden weder über- noch
unterfordert«; »Die Abfolge der Unterrichtsphasen ist stimmig«; »Die
Lehrkraft setzt Medien anschaulich ein«. Es sind 60 verschiedene
Kriterien.
Die
nächste Stunde. Englisch in der vierten Klasse. Die Kinder singen,
malen Postkarten mit Londoner Motiven und üben spielerisch Vokabeln im
Memory. Erlebnisunterricht. Schulstunden, die Spaß machen – den
Schülern wie der Inspektorin. »Eine tolle Aufgabe«, sagt
Schröder-Klein, »irre interessant.«
Auf
zum nächsten Unterrichtsbesuch, diesmal rüber zur Berufsschule. Rasch
bahnt sie sich den Weg durch die Schülermenge, die nach der Pause
zurück ins Schulgebäude strömt, durchs Treppenhaus, in den ersten
Stock. Volkswirtschaftslehre. Fünf Schüler, Brasilianer, angehende
Außenhandelskaufleute. Es geht um Seefrachtbriefe. Wie man sie
ausfüllt, wohin die Container gehen, wann sie losgeschickt werden
müssen, »nichts, was man jetzt so in einer halben Stunde abhandeln
kann«, sagt der Lehrer in Richtung Inspektorin. In die Runde fragt er:
»Und? Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen? Wohin geht die Fracht denn
nun?« Ein Schüler sagt: »Nach Bremen.« Eine Schülerin: »Nach
Deutschland.« Der Lehrer sagt: »Na, überlegen Sie noch einmal.« Die
Schüler vertiefen sich wieder in ihre Papiere. Schröder-Klein steht
auf, schaut ihnen über die Schulter, danach fängt sie an, die Bewertung
in ihr Notebook zu tippen.
54
Unterrichtsbesuche absolvieren die Prüfer während ihrer Inspektion am
Colégio Humboldt, 37 Lehrern schauen sie dabei über die Schultern.
3240-mal tippen sie ihre Bewertungen ins Notebook, eine Schule,
aufgeschlüsselt in Doppelplus, Minus, Plus, Plus, Minus. Dann ziehen
sich die Inspektoren zurück, um die Mosaiksteine aus
Unterrichtsbesuchen, Beobachtungen und Gesprächen zu einem Bild
zusammenzusetzen.
Die
Zeugnisvergabe. Auf der schwarzen Bühne im Schultheater steht Anita
Schröder-Klein und stützt sich auf das Pult vor ihr. Klar analysiert
sie das Gesehene, lobt und tadelt, verteilt Noten. Erklärt, wo es
klemmt, was unbedingt besser werden muss, was gut läuft. Das Schönste
aber ist, sagt sie, dass alle mit der Schule zufrieden sind. »Eltern,
Schüler, Lehrer.« Und dann folgt der Moment, auf den alle gewartet
haben. Sie macht eine Pause. »Herzlichen Glückwunsch, Ihre Schule hat
das Gütesiegel verdient.« Hinten im Saal wird geklatscht, einige
pfeifen begeistert. Vorne in der ersten Reihe zieht der Direktor seinen
Schlips zurecht, Erleichterung im Blick. Bestanden. Zumindest für die
nächsten fünf Jahre. Dann kommen die Inspektoren wieder.
Copyright DIE ZEIT, 22.12.2009 Nr. 53
|




